Vortrag von Prof. Dr. Gerhard Sauder

Schulleben

Im Rahmen ihrer Kooperation Erwachsenenbildung und Schulen hatte die Biosphären-Volkshochschule St. Ingbert am Albertus-Magnus-Gymnasium Professor Dr. Gerhard Sauder eingeladen, als „eine Investition in unsere Jugend“, so Marika Flierl. Es war die zweite Veranstaltung dieser Art, denn Eugen Ruge, Abiturschriftsteller der Jahre 2017/18, hatte damals auf Einladung der VHS den Oberstufenschülern Rede und Antwort gestanden.

Begleitend zur Abiturlektüre, diesmal zu „Weh dem, der aus der Reihe tanzt“ des saarländischen Schriftstellers Ludwig Harig (geb. 1927, verstorben 2018), beantwortete der St. Ingberter Literaturwissenschaftler Dr. Gerhard Sauder den Oberstufenschülerinnen und Schülern und Publikum Fragen. Denn er hat Ludwig Harig und sein Werk gut gekannt, bezeichnete ihn als einen Literaten mit einen sehr präzisen Gedächtnis, als Sprachakrobaten und Sprachartisten. Sein autobiographischer Roman beruhe auf Erlebnissen seiner frühesten Kinder- und Jugendjahre (1933 Einschulung, Mitglied im „Jungvolk“, später Schüler einer „Napola“, einer so genannten „nationalpolitischen Erziehungsanstalt“) in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft.

Professor Sauder griff die wichtigsten Passagen der zwölf Kapitel des Romans heraus, interpretierte sie und verknüpfte sie gleichzeitig mit den Erfahrungen, die er in Gesprächen mit Ludwig Harig gemacht hatte. Neben erlebten erzählerischen Elementen kommen auch fiktive vor, die aus der Distanz des erwachsenen Autors Selbstkritik am Verhalten des Jugendlichen immer stückweise widerspiegeln. „In Reih und Glied gehen“ und „Anpassung“ - das habe Harig damals unkritisch mitgemacht, später aber habe er das kritisch reflektiert. Man erkenne die Vorgehensweise der Nationalsozialisten, die eine massenwirksame Beeinflussung, Uniformierung und Gleichmacherei bei vielen Menschen bewirkt haben, „Verführung ohne Sinn und Verstand“, so Sauder. Die Kritik am Euthanasie-Programm und der Vernichtung der Juden werde im Roman deutlich thematisiert. Immer wieder reflektiere Harig seine zeitweise Linientreue und seine Infiltration durch den Nationalsozialismus. Dadurch können Schülerinnen und Schüler die Mechanismen der Nationalsozialisten gut erkennen und diese mit heutigen gesellschaftlichen Vorgängen vergleichen. Prof. Sauder hielt es daher für eine gute Idee, genau diesen Roman des Sulzbacher Autors auf die Lektüreliste zu setzen.

Zum Schluss des Romans erfährt man, wie sich Harig nach Eintreffen der Alliierten fühlte.  „Was war aus meinem Glauben an Führer, Volk und Vaterland geworden? Ich war frei, das war genug! ... Nein, ich kann nichts ungeschehen machen.“

Dass Changieren zwischen persönlicher Erfahrung und literarischer Verarbeitung ist eine bemerkenswerte Besonderheit des Romans. „Wie viel ist ehrlich?“, wurde daher im Anschluss gefragt. „Die groben Lebensdaten stimmen“, so der Referent, aber man müsse sich bewusst sein, dass da immer noch eine fiktionale Ebene mitspiele. Deutlich werde dies vor allem an der Darstellung des René, an den sich Harig ganz anders erinnerte als René selbst.  

Angehende Abiturienten, die den Roman noch nicht gelesen hatten, fanden positiv, dass man einen inhaltlichen Gesamtüberblick mit Interpretation bekam. „Man weiß jetzt, worum es geht und kann sich dann, wenn man den Text liest, besser mit dem Erzählten auseinandersetzen, darüber nachdenken, was dahinter steckt. Durch Professor Sauder habe ich das erkannt.“ Oder „Es ist gut, dass eine solche Veranstaltung angeboten wird. Man erfährt nicht nur etwas aus der Sicht der Lehrer. Denn der Dozent hat den Schriftsteller selbst gekannt.“

 


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