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Laetitia Bieringer

Eine neue Welt - eine zweite Familie

„Wir haben immer noch fünf Monate“,  das waren die Worte, die ich zu meiner besten Freundin Larissa sagte, als uns der Gedanke an mein kommendes Auslandsjahr Tränen in die Augen trieb. Im Winter 2007 entschloss ich mich dazu, ein Jahr im Ausland zu verbringen und dort in einer Familie zu leben. Warum? Einfach um eine Menge neuer Erfahrungen und Eindrücke zu sammeln, um ein richtiges Abenteuer zu erleben und bodenständiger zu werden. Es gab so viele Länder zur Auswahl, doch für mich kam nur ein spanisch-sprachiges Land in Frage, und letztendlich hieß mein Land PERU! Wenn ich ehrlich bin, kann ich euch keinen richtigen Grund nennen, warum ausgerechnet dorthin. Außerdem wusste ich zu dieser Zeit noch nicht einmal, wie viele Einwohner das Land hat bzw. die Durchschnittstemperatur ist. Doch wie sich spätestens jetzt herausstellt, gehen vorschnelle Entscheidungen auch einmal für mich gut aus.

Die Zeit verging viel zu schnell und dann stand es fest, aber alles kam mir wie ein wirrer Traum vor. Selbst als ich am Flughafen stand und mich verabschiedete, habe ich noch nicht alles realisiert. Es schien, als würde man für zwei Wochen in Urlaub fahren! Und nicht schon in drei Tagen in einer wildfremden Familie leben ohne ein Wort spanisch zu reden, in der Hafenstadt CHIMBOTE an der Pazifikküste im Norden Perus mit knapp über 400.000 Einwohnern, über 35º C im Sommer und 17º C im tiefen Winter. Am 2. September hieß es schließlich Abschied nehmen von dem chaotischem Alltag, meiner verrückten Familie und dem kalten Deutschland (eher leichteren Herzens). Von da an musste ich mein altes Leben zurücklassen und mich auf den neuen, kommenden Lebensabschnitt einstellen. „Bis dann Mama und Papa, wir sehen uns in einem Jahr wieder.“ Aber so sehr ich mich auf das Kommende freute, so sehr machte mir auch der Gedanke an das Unbekannte Angst. Jedoch völlig ohne Grund. Meine Familie gab mir von Anfang an das Gefühl, dass sie bereit ist, mich in ihre Familie aufzunehmen und mich als ihre Tochter zu sehen. Die erste Zeit fiel mir etwas schwer, da ich mich überhaupt nicht verständigen (Hola, qué tal?.., immer schön lächeln) konnte und mir nach dem ersten Schultag der Kopf zu platzen drohte. Ich kam mir vor, wie die neuste Attraktion. Alle hatten sich um mich versammelt und bombardierten mich geradezu mit Fragen. Und kaum auszuhalten war im Unterricht, und das will schon etwas heißen, der Lärm während den Schulstunden, den die Lehrer weder kontrollieren noch beeinflussen können.

Ich bin von diesem Schulsystem wenig begeistert und bin froh und gleichzeitig stolz darauf, dass es in Deutschland so gesittet wie in meiner Klasse möglich ist, zugeht. Nichtsdestotrotz fand ich meine Schule und besonders Klasse super und habe mich jeden Morgen aufs Neue gefreut, hingehen zu dürfen; auch wenn ich schon gleich in meiner ersten Woche drei Arbeiten schreiben durfte, von denen ich nicht einmal die Fragestellung übersetzen konnte! Erst in Peru selbst habe ich gemerkt, was für ein vielseitiges und atemberaubend schönes Land das ist. Es ist so unvorstellbar groß, dass es Anteil an drei völlig unterschiedlichen Klimaregionen hat: Costa: zirka  11 % der Staatsfläche; Sierra /Anden/Hochland: zirka 15%; Selva/Regenwald und Montaña/Nebelwald: zirka 64%.

Es ist schade, dass sich anscheinend niemand in Deutschland richtig für Peru interessiert. Man kann nach Cusco, in das „Heilige Tal der Inka“ reisen, um  Macchu Picchu zu besichtigen, der zu den „Neuen sieben Weltwundern“ gehört, oder man unternimmt eine dreitägige Tour zu den schwimmenden Inseln der Uros auf dem Titicacasee (das höchstgelegene Gewässer der Erde) in Puno oder man kann Paragleiten über der Hauptstadt Lima. Dies alles gehört hierher und es ist nur ein winziger Teil davon, was das Paradies zu bieten hat. Auch der Verkehr ist ziemlich schräg im negativen Sinn. Jugendliche von 15 Jahren fahren zu dritt ohne Helme auf einem Roller oder Motorrad neben der Polizei her, wenn man einen Bus nehmen möchte, steigt man mitten auf der Straße ein, doch vorher muss man zuerst noch hinter den Bussen herrennen, und beim Aussteigen gilt auch: durch den Bus schreien und der Fahrer hält direkt an, egal, an welcher Stelle man sich befindet, denn Haltestellen gibt es keine; Anschnallgurte in den Autos gibt es auch keine und wenn man die Straße überqueren möchte, beschleunigen die Fahrzeuge, sodass du dich wie in Aktionsfilmen auf die Seite werfen musst. Ohne meine „Schwester“ wäre ich sicherlich schon achtmal gestorben.

Und bevor ich etwas ganz Wichtiges vergesse: das Essen ist ebenso anders wie alles andere hier. Die Menschen essen alles sehr, sehr süß und wenn nicht, dann sehr sehr scharf! Nicht selten kam es vor, dass ich nach zwei Gabeln einfach nicht mehr weiter essen konnte, da mein ganzer Mund und meine Lippen wie Feuer brannten! Immer wenn ich beteuert habe, dass die meisten Leute in meinem Land Kaffee bzw. Schokolade ohne Zucker trinken, haben sie sich geschüttelt und gefragt, wie das denn möglich sei. Außerdem gibt es jeden Tag Reis, dazu Kartoffeln und Hähnchen. Ich habe auch Sachen wie Meerschweinchen, Lama, Alpaca (Kamelform), Fischköpfe samt Augen und vieles mehr ausprobiert. Andere Länder, andere Sitten eben, und ich muss sagen, es war alles sehr sehr lecker! Nicht ohne Grund steht das peruanische Essen auf der Weltrangliste des besten Essens ganz oben!

Als ich auf die Frage meiner peruanischen Familie antwortete, in welch anderen Ländern ich schon einmal gewesen bin, meinten sie, dass weder sie, noch ihre Kinder oder so viele andere, niemals Europa oder die Karibik kennenlernen werden. Sie werden nie aus Peru herauskommen, da Flüge für fast alle hier unvorstellbar teuer sind. Die meisten können es sich nicht einmal leisten, Machu Picchu zu besichtigen. Der Gedanke daran bedrückt mich noch immer und noch nie wurde ich derart mit den Fakten konfrontiert wie dort. Denn bis vor meinem Auslandsjahr habe ich immer nur die eine Welt gekannt: die Welt, in der man keine Kleider ohne Marken trägt, immer das neuste Handy hat und man sich überlegt, ob man den nächsten Urlaub in der Türkei oder doch lieber in der Karibik buchen soll. Doch jetzt habe ich auch in dieser anderen Welt gelebt, in der sechsjährige Kinder ohne Schuhe und Hemden, um drei Uhr morgens in Bars gehen, um kaputtes Spielzeug oder Karten zu verkaufen, in der man für zwei Euro ein Messer an den Hals gehalten bekommt und Hunde im Dreck verhungern.

Also kenne ich auch die negative Seite meiner Stadt und es ist grausam, dass man so etwas mit ansehen muss. Man versucht, wenigstens ein paar kleinen Kindern eine Freude mit Kleidungsstücken, Bonbons oder einem Apfel zu machen, doch so viel Armut und Leiden wie es in manchen Ecken hier gibt, weiß man nicht, was man dagegen tun könnte.

Ich war für knapp elf Monate in Peru und fühlte mich wie zu Hause. Doch obwohl es mir nicht hätte besser gehen können, hätte es nicht unterschiedlicher sein können. Alle Geschäfte haben bis zwölf Uhr auf (auch Sonntags), und die Menschen sind viel offener und spontaner als in meiner Heimatstadt. Wenn ich freitags nachmittags gefragt habe, was denn meine Freunde abends vorhaben, habe ich immer die gleiche Antwort bekommen: „mhm, weiß noch nicht, mal schauen, werden wir schon was finden!“ Wenn mir neue Leute vorgestellt wurden, blieb man nicht auf Abstand, sondern wurde behandelt wie eine alte verloren gegangene Freundin, umarmt und geküsst. Natürlich habe ich Familie, Freunde und Currywurst vermisst, aber viel Zeit, um zu trauern blieb mir nicht, da mein Terminplaner voll gestopft mit Schule, Familie, Fiestas, Freunden und Hilfsprojekten, an denen ich mich beteiligt habe, war. Natürlich kann ich nicht sagen, dass der Weg nicht auch einmal steinig wurde, doch ich bin zuversichtlich, dass dieses einmalige Jahr von vielen Menschen (auch aus ganz vielen anderen Ländern), Eindrücken und natürlich auch neuen Erfahrungen geprägt wurde, von denen ich noch so viel später profitieren kann, denn eins ist gewiss: Dass dies hier eine einmalige Chance war und sie mit hundertprozentiger Sicherheit ihre Spuren in meiner Zukunft hinterlässt.

Es ist einfach eine unglaublich einzigartige Zeit, in der man so viel lernt und erlebt! Am liebsten würde ich die Zeit wieder zurückdrehen und noch einmal alles von Anfang an erleben! Ich habe versucht jeden Moment, so gut es geht, festzuhalten, mich von den neuen Menschen, der Atmosphäre und der peruanischen Lebensfreude beeinflussen zu lassen und alles richtig zu machen, denn ob das Jahr letztendlich das beste Jahr meines Lebens war, hängt einzig und allein davon ab, was ich daraus gemacht habe. Doch zumindest werde ich immer eine halbe Peruanerin sein, wie ich es jetzt schon bin, im Gedanken, dass ich nun auch eine Familie in diesem Land habe und nie mehr derselbe Mensch von früher sein werde.

Laetitia Bieringer